Zu jung für Eisen

Seit Jahren verfolge ich die Entwicklungen und Diskussionen zu Beschlag vs. Barhuf. Dabei finde ich vor allem eines immer wieder fragwürdig: warum sich nicht langsam ein Grundlagenwissen durchsetzt. Deshalb hier ein aktualisierter Beitrag, welche Probleme es mit sich bringt, Pferde im Wachstum zu beschlagen, den ich für Kollegen im Magazin tierisch geheilt vor drei Jahren veröffentlicht hatte.

Warum laufen so viele Pferde ohne Eisen schlecht oder gar nicht? Das fragen sich viele Pferdebesitzer. Der Grund ist häufig die mangelnde Entwicklung des jungen Hufes – auch durch zu frühen Beschlag. Das stärkste Wachstum der Hufe findet in den ersten beiden Lebensjahren statt. Doch das für die Hufgesundheit entscheidende Innenleben wird erst viel später ausgebildet.

Einige der interessantesten Erkenntnisse der letzten Jahre stammen von dem amerikanischen Veterinär Robert Bowker, der als Direktor des Equine Foot Laboratory am Michigan State University College umfassend am Pferdehuf geforscht  hat. Dabei stellte er unter anderem fest, dass Pferde mit guten Hufen im Strahlpolsterbereich ihrer Hufe faserigen Knorpel entwickeln und zwar erst ab einem Alter von etwa fünf Jahren.

Pferde brauchen vor allem in der Aufzucht viel Bewegung und auch Böden mit Gegendruck. (© C. Götz)

Pferde brauchen vor allem in der Aufzucht viel Bewegung und auch Böden mit Gegendruck. (© C. Götz)

Nicht nur Bowker ist davon überzeugt, dass die Umstände in den ersten Lebensjahren überaus wichtig für die Hufentwicklung sind. Damit sich die Hufe und damit auch der Rest des Bewegungsapparats gesund entwickeln, braucht es artgerechte Haltung mit viel Bewegung und eine bedarfsgerechte Fütterung. Neben Gesundheitsvorsorge gehört auch regelmäßige, korrekte Hufpflege dazu.

Sieht man sich die Aufzuchtbedingungen an, wird schnell klar, dass in der Regel drei Dinge fehlen: Die Hufpflege und die Bewegung auf geeigneten Untergründen. Denn junge Pferde benötigen viel freie Bewegungsmöglichkeit auf verschiedenen – vor allem nicht nur weichen – Böden. Um kräftige Hufe und einen gesunden Strahl auszubilden, braucht es vor allem harten, unebenen Untergrund. Weder Weide, noch Matschpaddocks, Betonböden oder Matratzen, wie sie in den meisten Aufzuchtställen die Regel sind, bieten den für einen guten Barhuf nötigen Bodengegendruck.

Beim Anreiten stellt man dann fest dass das Horn den geforderten Belastungen nicht gewachsen ist. Das liegt zum einen daran dass seine Qualität durch die vorangegangene Aufzucht nicht optimal ist. Zum anderen wird zu viel oder das Falsche verlangt wird. Also wird das drei- oder vierjährige Pferd beschlagen, das sich voll im Wachstum befindet. Die Entwicklung der inneren Strukturen des Hufes zu diesem Zeitpunkt wird dadurch abgebrochen.

Querschnitt des Hufs auf Höhe des Strahlbeins: Das stoßdämpfende, bindegewebige Kissen im Hufinneren zwischen Strahl und Bewegungsapparat wird auch als Strahlpolster oder Strahlkissen bezeichnet. (© C. Götz)

Querschnitt des Hufs auf Höhe des Strahlbeins: Das stoßdämpfende, bindegewebige Kissen im Hufinneren zwischen Strahl und Bewegungsapparat wird auch als Strahlpolster oder Strahlkissen bezeichnet. (© C. Götz)

Pferde die im Größenwachstum noch einiges vor sich haben trifft es am härtesten. Und natürlich die Western- und Rennpferde, die schon zweijährig oder noch jünger beschlagen werden. Als Folge haben viele erwachsene Pferde viel zu kleine Hufe mit inneren Strukturen, die das Gewicht eines Heranwachsenden trugen und nun völlig überfordert sind. Diese Pferde haben häufig massive Probleme ohne Hufschutz zu laufen und sind laut Bowker prädestiniert für Erkrankungen wie das Hufrollen-Syndrom.