Neues zur Pferdeevolution

Als ich die Pressemitteilung zu dem 300.000 Jahre alten Forschungsmaterial aus Schöningen in Niedersachsen las, war mein erster Gedanke wieder: Wie lange mussten unsere Vorfahren tatsächlich warten, bis aus einer Nahrungsquelle ein Reittier wurde? Aber das rekonstruierte Erbgut der ausgestorbenen Pferdeart Equus mosbachensis …

… schließt natürlich erst einmal „nur“ eine „zeitliche und geografische Lücke in der Erforschung der Pferdeevolution“, so Professor Cosimo Posth vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment.

Im Laufe der Erdgeschichte überquerten die Vorfahren der heutigen Equidae mehrfach die Beringlandbrücke, eine Festlandverbindung zwischen Asien und Nordamerika, und breiteten sich so von Nordamerika nach Eurasien aus. Zwei große Wanderungswellen sind bislang belegt: Die erste, vor etwa 2,6 Millionen Jahren, brachte die Vorfahren der heutigen Zebras und Esel auf den asiatisch-europäischen und afrikanischen Kontinent. Die zweite, vor rund 900.000 bis 800.000 Jahren, führte die sogenannten caballinen Pferde ein.

Im caballinen Stammbaum sind viele Zweige – wie Equus mosbachensis – ausgestorben. Die aktuellen Untersuchungen zeigen jedoch, dass die an der Fundstelle Schöningen sequenzierten Tiere zur gleichen evolutionären Linie gehören wie die bis heute überlebenden Pferde.

Bilder der Schädel von Equus mosbachensis aus der Ausstellung im Paläon Museum. Ihre Analysen zeigen, dass die Schöninger Pferde zu einer Pferdelinie gehören, die als Ursprung aller modernen Pferde gilt. (© Volker Minkus / NLD)

Im Laufe der Erdgeschichte gab es über 35 verschiedene Gattungen und Hunderte inzwischen ausgestorbener Arten der Pferdeartigen. „Lange Zeit konzentrierte sich die genetische Forschung vor allem auf Veränderungen durch die Domestizierung der Pferde in der jüngeren Vergangenheit. Doch um die Evolution des Pferdes zu verstehen, muss man auch die Geschichte davor betrachten. Archäologische Funde zeigen beispielsweise, dass Pferde schon für frühe Menschenarten eine zentrale Rolle spielten – insbesondere als Nahrungsquelle“, so Posth.

„Schöningen ist berühmt für seine Holzspeere, die mit rund 300.000 Jahren die ältesten bekannten vollständigen Jagdwaffen der Welt sind. Direkt neben den Speeren konnten die fossilen Überreste von mindestens 20 erlegten Pferden gefunden werden – ein eindrucksvoller Beleg für die enge Beziehung zwischen Mensch und Pferd, lange vor der eigentlichen Domestizierung. Ziel unserer Untersuchung war es, die Stellung und Herkunft von Equus mosbachensis im Stammbaum der Pferde zu klären und die genetischen Beziehungen zu heutigen Pferden besser zu verstehen“, so Arianna Weingarten, die Erstautorin der Studie.

Ob unsere Vorfahren wohl damals schon davon geträumt haben, sie nicht nur zu jagen, sondern auf ihnen zu reiten?