Auslauf-Minimum

Es gibt so Studien, da bin ich wirklich hin- und hergerissen. Im Fall dieser Arbeit aus den USA pendelt mein Hin- und Hergerissensein zwischen „Meinen die das ernst?“ und „Okay, hat wohl auf die Art noch niemand untersucht“. Ihr Titel lautet: „Tägliche 60-minütige Auslaufzeiten im Einzelauslauf verbesserten die …

… physiologischen und verhaltensbezogenen Indikatoren für Stress und das Wohlbefinden von Pferden in Boxenhaltung“. Der „Auslauf“ fand in einer Reithalle von 24 x 64 Metern statt.

Der Hintergrund laut Forscherinnen: „Die Unterbringung von Pferden in Boxen schränkt ihr natürliches Umherstreifen ein, was wiederum zu erhöhtem Stress und stereotypen Verhaltensweisen führt. Täglicher Auslauf mit freiwilliger Bewegung ist zur Stressminderung üblich, doch gibt es keinen Konsens über die optimale Dauer der Auslaufphasen.“

Freilaufen in der Reithalle ist nicht überall erlaubt. (© C. Götz)

Ihre Ziele: „Wir wollten untersuchen, wie sich täglicher Auslauf von minimaler und mittlerer Dauer auf verhaltensbezogene und physiologische Stressindikatoren auswirkt.“  Dafür ging es für elf ausgewachsene Quarter Horses über einen Zeitraum von jeweils zwölf Tagen jeweils null, 15 oder 60 Minuten pro Tag in einen Einzelauslauf. Die Pferde wurden vor der Datenerhebung an den Auslauf und die Boxen gewöhnt. Erfasst wurden das Verhalten im Stall und die Herzfrequenzvariabilität während und nach dem Auslauf. Zudem wurden in diesem Zeitraum drei Blutbilder erstellt.

Die Ergebnisse: Sowohl die Herzfrequenzvariabilität als auch die Blutbilder zeigten weniger Stress, aber erst mit 60 Minuten Freigang. „Regelmäßiger Auslauf von moderater Dauer reduziert physiologische und verhaltensbezogene Stressindikatoren bei in Boxen gehaltenen Pferden“, lautet das Fazit der Forscherinnen.

Ein weiteres Ergebnis – wahrscheinlich das wichtigste: kein Freigang oder nur 15 Minuten löste nicht nur mehr Bewegung in den Boxen aus, sondern führte zudem zu entzündlichem Stress.

Noch mal kurz zu meinem „Hin- und Hergerissensensein“ (meinen die das ernst vs. hat wohl noch keiner auf die Art geprüft) und damit zu der Frage, ob wir trotzdem etwas daraus mitnehmen können? Ich finde ja – und zwar daraus keine Schlüsse für das eigene Pferd zu ziehen. Vielleicht ist es ja gar nicht die eine(!) Stunde, die den Effekt erschafft. Vielleicht wären auf einer gleichgroßen Wiese 45 Minuten ausreichend, um einen vergleichbaren Effekt zu erzielen. Vielleicht ist der Effekt in einem Paddock draußen mit Artgenossen auch mit zwei Stunden nicht zu erreichen, wenn sie sich nicht verstehen.

Wenn Weidegang von November bis April (wie in 99 Prozent der Fälle üblich) nicht möglich ist, hilft freie Bewegung, den Boxenstress für Pferde zu reduzieren, aber man muss beobachten, ob die gewählte Form für das jeweilige Pferd wirklich passt.