Wie gut ist gut gemeint?

Es ist in Turnierreiterkreisen weitestgehend bekannt, dass letztes Jahr die Zeitschrift St. Georg eingestellt wurde, deren Bestreben für gutes, feines, pferdegerechtes Reiten und deren kritische Stimme über Jahrzehnte sehr geschätzt wurden. Es gibt (zumindest teilweise personell) einen Online-Nachfolger …

… die EQUI PAGES, für die der ehemalige langjährige St.-Georg-Chefredakteur Jan Tönjes nun schreibt: die Tage unter anderem einen Kommentar über die Diskussion zum Abreiten von Charlotte Dujardin (GBR) auf einem Turnier im Januar in Amsterdam, angestoßen vom Collectif Pour Les Cheveaux rund um die Tierärztin Eva van Avermaet.

Ich war ehrlich überrascht über einen Satz, der sich auf die Aussage der Tierschutzorganisation „The huge kneeblocks on modern dressage saddles can enable riders to pull harder on the reins“ bezieht. Tönjes schreibt, die Organisation mache sich „unglaubwürdig, wenn nicht lächerlich, wenn pauschal alles verurteilt wird. Der Sattel? Mit Tierquäler-Pauschen, so dick gebaut, um besser ziehen zu können (physikalisch braucht es dazu eigentlich Umlenkrollen, würde ich denken).“

Nein, Umlenkrollen braucht es nicht, denn Zugkraft kann auf verschiedene Arten verstärkt werden, wie man beispielsweise am Fingerhakeln gut sehen kann. Hier ist gefordert, sich mit der freien Hand abzustützen, um Stabilität zu gewinnen. Ein Abstützen des Körpers und des Zugfußes ist ebenfalls Teil der korrekten Wettbewerbsposition, eben um Kraft optimal auf den Riemen zu übertragen. Auch beim Armdrücken wird die eigene Kraft verstärkt, indem man sich mit dem freien Arm festhält. 

Stabilisierung des Oberkörpers und damit Verstärkung der Kraft geschieht beim offiziellen Armdrücken durch regelkonformes Festhalten mit der freien Hand. (© Osy, Wikipedia)

Und natürlich ermöglichen auch die großen, oft weit oben an den Dressursätteln angebrachten Pauschen genau das, was die Tierärztin beschreibt. Wer es nicht glaubt, oder es sich nicht vorstellen kann, dem empfehle ich beispielsweise folgenden Versuchsaufbau, um das am eigenen Leib zu spüren:

  • Dressursattel mit viel Pausche (und glatter Sattelunterlage um das Leder zu schonen)
  • Holzpferd mit lose etwas hinter dem Hals aufgelegtem Sattel (Achtung beim Aufsteigen!)
  • Trense und Zügel oder ein im Maul des Holzpferdes fixiertes Seil als Zügel

Dann heißt es einmal die Pausche als Fixpunkt zu nutzen und sich an den Zügeln nach vorne zu ziehen. Zum Vergleich sitzt man mit entspannt hängendem Bein und zieht, ohne die Pausche zu berühren.

Man wird unschwer feststellen können, dass die Zugkraft durch die Kniepauschen verstärkt werden kann, weil man den Oberkörper besser stabilisiert bekommt (physikalisches Prinzip der Verstärkung der Kraftquelle durch Fixpunkte) und man sich nicht selber aus dem Sattel zieht, sodass die vorhandene Kraft effektiver genutzt werden kann. Wenn man denn Kraft einsetzen möchte. Und nichts anderes hatte die Tierärztin ja gesagt.

Mehr zum Thema Pauschen an Sätteln liest du in dieser Studie und hier auf meinem Blog.