Zen am Pferd

„Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten“, war einer der Buchtitel, mit denen vor fast einem Vierteljahrhundert fernöstliche Lebensanschauungen, und damit Begriffe wie Intuition und Achtsamkeit, Einfluss auf westliches Denken nahmen. Zen bedeutet Versenkung. Deshalb fiel mir die folgende Geschichte wieder ein, als ich vorletzte Woche den Beitrag darüber …

… geschrieben habe, warum und wie man seinem Pferd idealerweise immer einen Schritt voraus sein sollte. Das folgende Fallbeispiel dreht sich zwar auch darum, ein unerwünschtes Verhalten abzustellen und den richtigen Moment dafür zu erkennen, dennoch geht es noch weit darüber hinaus. Deshalb war es für mich ein Schlüsselmoment, um zu erleben, wozu ich im besten Sinne (be)fähig(t) bin.

Das Erlebnis – oder besser, den Zen-Moment – hatte ich mit meinem ersten Pferd. Ich hatte den Wallach dreieinhalbjährig ohne die geringste Erziehung in Sachen Hufbearbeitung erworben. Und obwohl ich viel mit ihm geübt hatte und er sich inzwischen brav aufheben lies, hatte er sich doch eine nervige Sache nicht abgewöhnt:

Wann immer es ihm passte – in der Regel, wenn es ihm zu lange dauerte –, fing er an, bei aufgehobenem Vorderbein um das stehende herumzuwandern. Das war nervig und nicht gut für das am Boden stehende Bein. An dem Stall, an dem wir damals standen, gab es nicht die Möglichkeit, ihn sicher so an eine Wand zu stellen, dass er sich zumindest nicht vom aufgehobenen Huf wegdrehen konnte. Der Schmied hätte das allerdings vermutlich ohnehin nicht toleriert – allein das dauernde Umstellen, um wieder auf der anderen Seiten arbeiten zu können …

Training und Wortkommandos nutzten nichts, das hatte ich versucht. Also überlegte ich, was ich sonst noch machen könnte, um sein Verhalten zu stoppen. Am coolsten wäre es, wenn ich mit meinem Bein um ihn herumlangen und ihn in dem Moment in der Schenkellage erreichen könnte, wenn er gerade anfing, herumzutreten. Aber das wäre wie in einem Kung-Fu-Film, dachte ich mir so, während ich sein linkes Vorderbein aufgehoben hielt, damit der Schmied arbeiten konnte.

Für Kampfkunst benötigt man nicht nur Technik, sondern idealerweise auch Zen-Momente. (© Nt2bd, Wikipedia)

Kurz darauf spürte ich, dass er anfing sein Gleichgewicht zu verändern und tauchte, auf dem rechten Bein stehend, um seine Brust herum, sodass ich ihm mit meinem linken Fuß gerade in dem Moment an seiner rechten Bauchseite einen Klapps geben konnte, als er in diese Richtung wandern wollte. Es war eine einzige fließende Bewegung – hin und wieder zurück – nicht grob, aber effektiv.

Der Schmied, das Pferd und ich machten Augen wie Unterteller und der Schmied sprach aus, was wir alle dachten: „Wie hast du das denn jetzt gemacht?“ Seit diesem Moment schaue ich Filme mit asiatischen Kampfszenen mit anderen Augen. Und das Pferd hat nie wieder versucht beim Bearbeiten der Hufe zu wandern.

Die Moral von der Geschicht? Ich weiß seitdem noch besser, das klare Bilder mir immens helfen, das was ich vorhabe umzusetzen und dass das Timing dabei mindestens genauso wichtig ist.