Overstride

Ich habe immer gesagt, dass bei meinem inzwischen verstorbenen Wallach der Schritt keine schwunglose Gangart ist. Scherzhaft zwar, aber dennoch war mir, als ich ihn dreieinhalbjährig kaufte, bereits klar, dass dieses Pferd keinen „normalen“ Schritt hat. Erst seit einiger Zeit weiß ich, warum.

Der Übertritt den er zeigte war nicht nur ein Übertritt, sondern ein Overstride. Das ist nur teilweise ein Scherz, denn Overstride ist der englische Begriff für Übertritt und der bezeichnet immer das Maß, in dem der Hinterhuf vor dem Abdruck, den der Vorderhuf hinterlässt, auffußt. Ein Übertritt von ein bis drei Hufbreiten im freien Schritt ist bei heutigen Warmblütern üblich.

Der Overstride ist eines der Erkennungsmerkmale beim Flat Walk der Gangpferdrasse Tennessee Walker. Bei dessen weitem Übertritt soll sich das Sprunggelenk beim Vorschwingen des Hinterbeins möglichst nicht nach oben bewegen. Damit es sich nicht in der Höhe verändert, muss die Hüfte beim Vorschwingen entsprechend nach unten kippen.

Das Ovale muss vors Runde: Hier fußt der Hinterhuf (oval) – von oben nach unten – eine Hufbreite, eineinhalb und gut zwei Hufbreiten vor dem Vorderhuf (rund). (© C. Götz)

Walkertypisch ist zudem ein starkes Kopfnicken, auch dies zeigte mein Wallach, der mit seinen drei sehr ansprechenden Grundgangarten – dem ausgezeichneten Schritt, dem schwungvollen Trab und dem komfortablen Galopp – ein F1-Mix aus springveranlagter Traberstute und Holsteiner Springhengst war. Seine Trabermutter hat in ihrem Pedigree viele amerikanische Vorfahren, die bekannt dafür sind, sowohl die genetischen Anlagen für einen raumgreifenden Trab als auch für Rennpass weiterzugeben. Diese Gangpferdegene machen es heute noch möglich, vor allem mit amerikanischen Trabern (Standardbreds) Tölt zu reiten.

Was können wir nun daraus für den individuellen Schritt unserer Pferde lernen? Oder anders gefragt: Wie erkennt man, ob das eigene Pferd schon den besten Schritt zeigt, der ihm möglich ist?

Wie weit ein Pferd im Schritt mit den Hinterhufen über die Spur des gleichseitigen Vorderbeines tritt, hängt nämlich nicht nur vom Gebäude des Pferdes ab oder von dem Tempo, in dem es Schritt geht und auch nicht allein davon, wie aktiv die Hinterhand ist oder wie durchlässig der Rücken … Aber – Überraschung – alle genannten Punkte können eine Rolle spielen. Allerdings können selbst Pferde mit starken Taktfehlern gute Schrittlängen und ordentlich Übertritt zeigen. Mehr darüber im nächsten Beitrag.