Rat-Schläge?

Über die Umfrage zu Ridersplaining, die gerade läuft, habe ich berichtet. Hier nun ein paar Gedanken, wie ich persönlich das Thema in meinem vor 48 Jahren begonnenen Reiterleben erfahren und gelebt habe, und zu welchen Schlüssen ich diesbezüglich gekommen bin.

In meinem Job als Pferdetherapeutin komme ich fast täglich mit Problemen in Kontakt, die in Zusammenhang mit dem Symptom stehen, für das ich geholt wurde. Der Klassiker sind Hufe und Gewicht, die sich negativ auf den Bewegungsapparat, mein Fachgebiet, auswirken. Ich muss also zwangsläufig auch Dinge ansprechen, die für manche vielleicht wie ein ungefragter Ratschlag wirken. Und ich weiß, wie sich das anfühlen kann.

So erinnere ich mich mit einem unguten Gefühl im Bauch an zwei Erlebnisse – eines betraf einen erbetenen Ratschlag und eines einen unerbetenen. Im ersten Fall hatte ich einen Richter, der bei einer Schulung gerade etwas zu den Hufen eines Pferdes gesagt hatte, um eine Einschätzung der Hufe meines eigenen Pferdes gebeten. Den abfälligen Blick und den hingerotzten Kommentar habe ich ebenso wenig vergessen, wie die nicht erfragte, zuckersüß vorgetragene Einschätzung einer Miteinstellerin zu meinem Pferd: Sie bestand darauf, mein Pferd sei dauerhaft lahm, was nicht der Fall war. Es trat in dieser Zeit immer wieder mit einem Bein kürzer, bis es aufgewärmt war: ein klassisches muskulär-osteopathisches Problem nach einem auskurierten Sehnenschaden. Aber alles, womit man das heute in einer Viertelstunde löst, gab es damals noch nicht. (Es verschwand übrigens durch richtiges Reiten nach einer Weile.)

In beiden Fällen fühlte ich mich mies, gedemütigt, wütend und hilflos. Interessanterweise ziemlich in derselben Mischung und Intensität. Heute weiß ich: Ich bin für meine Gefühle selber verantwortlich. Wie es mir mit etwas geht, was andere machen oder lassen, ist mein Problem und ich muss es für mich lösen.

Warum der Richter so abweisend war, wurde mir klar, als ich mehr über Hufe lernte – was sehr sinnvoll war. Auch im anderen Fall habe ich eine Idee, was eigentlich hinter dem Verhalten steckte. Der Punkt ist nur: Auch wenn man das nachvollziehen kann, nützt es einem nichts, denn mit den Gefühlen die es auslöst, muss man immer noch selber klarkommen*.

Natürlich bin auch ich mit Ridersplaining schon angeeckt. Wie bei mir selber war es im Grunde genommen egal, ob ich um den Rat gebeten wurde, sich das Thema aus dem Gespräch ergab oder ich mich entschloss einen Punkt anzusprechen, um dem Pferd zu helfen. Ich versuche, Informationen so darzulegen, dass das Gegenüber sie versteht und dass sie dem Pferd etwas nützen. Ich versuche so respektvoll wie irgend möglich zu sein. Natürlich gelingt das nicht immer. Aber auch wenn ich es für mein Gefühl gut hinbekommen habe: Wie es auf das Gegenüber wirkt, steht nicht in meiner Macht.

Warum wir alle immer wieder neue Ratschläge gebrauchen können, habe ich in diesem Artikel beschrieben.

* Mein Buchtipp zu dem Thema ist: Resilienz – dein Körper zeigt dir den Weg von Dr. Isa Grüber